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  • Seit einer Woche habe ich ein kleines Mustangstütchen des Mustang Makeover Germany in meiner Verantwortung und speziell das Thema Mut ist aktuell natürlich sehr präsent. Ich nutze die Gelegenheit darauf einzugehen und euch meinen Arbeitsansatz mit dem Mustang zu beschreiben.

    Im EQS (Equine Quality System) bildet die Qualität „Mut“ die absolute Basis. Wenn mein Pferd mutig ist, dann erst ist es in der Lage zu lernen. Denn wie wir alle aus eigener Erfahrung wissen, solange wir überladen sind mit Emotionen, sei es Freude oder Angst, kann unser Verstand schlecht arbeiten. Es zeigt sich oft, dass Entscheidungen im emotionalen Zustand vielfach bereut werden. Damit Pferde Entscheidungen in unserem Sinne treffen und nicht vor jedem und allem davon springen, liegt es in unserer Verantwortung unsere Schützlinge mutig zu machen. Je mutiger desto besser und umso früher umso besser und so schnell, wie es das Pferd zulässt desto besser.

    Pferde, speziell Mustangs haben erstmal besonders vor uns Menschen Angst, weil sie uns zu allererst als Raubtier sehen. Sie machen das am Äußeren, Geruch und an unserem Verhalten fest. Das Einzige was der Mensch nachhaltig verändern kann ist nur sein Verhalten und sein Gedankenmuster. Er muss lernen zu denken und zu handeln wie ein Pferd und nicht wie ein Raubtier zu denken und agieren. Und darauf kommt es ganz besonders an.

    Viele Menschen glauben, dass mit viel Gewöhnung die Pferde mutiger werden. Das ist ein Trugschluss, weil das Pferd dann nur an das bestimmte Detail gewöhnt wird und schlussendlich wird es nicht mutiger. Auch, das ein Pferd einem vertraut und mutig ist, wenn es uns überall hin folgt ist ein Trugschluss. In einer Herde  laufen alle hinter dem Erfahrensten hinterher, auch wenn sie die größten „Hasenfüße“ sind. Mutig sind sie nur, wenn sie vorweg laufen. Vertrauensvoll sind die Pferde, wenn man sie vorwegschicken kann und sie glauben dass es dort sicher ist.

    Wie muss der Mensch nun sein Verhalten und Denkschema ändern, um vom Gewöhnen hin zum Mutigmachen zu kommen? Mein Vorschlag: Wir schauen hin wie sich Pferde in freier Wildbahn selbst mutig machen. Es ist für sie überlebenswichtig schnell herauszufinden, vor was sie Angst haben müssen und wovor nicht, damit sie nicht ständig vor allem und jeden davonrennen müssen. Das würde ihre Kräfte aufzehren und dann sind sie leichte Beute, wenn es darauf ankommt wirklich flüchten zu müssen.

    Pferde benutzen das Konzept von „Annäherung und Rückzug“ Dabei nähern sie sich fluchtbereit (emotional angespannt) der bedrohlichen Situation an, soweit wie sie es aushalten, um dann  sofort den Rückzug anzutreten. Sie wiederholen den Vorgang oft und jedes Mal ist die Annäherung größer und der Rückzug geringer. Bald entspannen sie sich und  können das Bedrohliche aushalten oder es sogar berühren, um festzustellen, dass es nicht gefährlich ist. Oft testen sie es noch auf Fresstauglichkeit oder Spieltauglichkeit, indem sie es ins Maul nehmen.

    Wenn ich als Mensch ein Pferd mutiger machen möchte, muss ich folgendes beachten. Das  EQS beschreibt zwei grundsätzliche Möglichkeiten, wie ein Pferd Angst zeigen kann:

    1. Es versucht wegzulaufen oder die Richtung zu ändern.
    2. Es erstarrt bzw. verspannt sich.

    Dem entsprechend sind meine Strategien auch etwas unterschiedlich. Was gleich bleibt, ist das Konzept von „Annäherung und Rückzug“. Ich nähere mich mit dem Bedrohlichen nur soweit an, wie das Pferd es aushalten kann, das heißt, es sollte möglichst wenig oder gar nicht die Füße bewegen oder in eine Schockstarre verfallen. Mein Rückzug muss unverzüglich geschehen. Die nächste Annäherung muss unverzüglich geschehen, so dass man in einen gleichmäßigen Rhythmus gelangt, weil die Gleichmäßigkeit dem Pferd eine Verlässlichkeit signalisiert und es somit mutig werden lässt. Wichtig bei den Bewegungen ist, dass sie nicht zu langsam sind, weil das vom Pferd als Anschleichen gewertet werden kann. Habe ich ein Pferd, das eher in Panik gerät und die Beine bewegt, darf ich das nicht unterbinden, weil es sich dann wie vom Raubtier gefangen fühlt und noch mehr ans Weglaufen denkt. Es gibt Pferde mit einer hohen Fluchtdistanz, die muss ich sich bis zu 10m von mir wegbewegen lassen, bevor ich den nächsten Versuch starten kann. Pferde, die eher dazu neigen zu erstarren, die muss ich zu Bewegung animieren, damit sie wieder ins Denken kommen, denn wenn die Beine erstarren dann erstarrt auch oft das Gehirn.

    Es gibt auch Pferde, die so panisch sind, dass ich mich gar nicht mit etwas annähern kann. Dann halte ich es so wie Pferde es tun: vor allem was vor ihnen wegläuft haben sie keine Angst, aber ihre Neugier ist meistens so groß, dass sie sich dann selbst annähern. Also, ich halte die Bedrohung in meiner Nähe und das Pferd so weit weg, dass ich es mit dem langen Führseil (bis zu 13m) auffordern kann, hinter mir und der Bedrohung her zu laufen. Der Instinkt der Pferde sagt ihnen dann, dass das nicht gefährlich sein kann. (Löwen, die weglaufen sind auch nicht gefährlich.) Die Neugier sagt dem Pferd: geh näher ran und lerne, wie es riecht und sich anfühlt, damit du in Zukunft keine Angst mehr haben musst.

    Jetzt muss man verstehen, dass „Mut“ eine Qualität ist, so nennen wir das im EQS. Man kann sagen, je mutiger das Pferd ist, desto  gelassener und entspannter ist es und sein Wohlfühlen ist natürlich größer. Es kann leichter denken und somit viel schneller lernen. Es ist für manch einen nicht vorstellbar, wie schnell ein Pferd lernen kann, weil sie nur mit potenziell ängstlichen Pferden umgeben sind.

    Entscheidend ist aber auch, wenn die Qualität „Mut“ verbessert wird, dass das Pferd vor bedrohlichen Situationen, die es noch nie erlebt, auch deutlich weniger Angst hat. Ich möchte ein Beispiel geben von meiner kleinen Mustangstute. Sie hat unglaublich viel Angst, wenn sie festgehalten wird. Es war z.B. sehr schwierig, ihr Blut abzunehmen und es war nicht möglich, sie zu chipen. Ich habe also mit ihr viel am Mut gearbeitet. Das ging so weit, dass ich ihr relativ schnell einen Sattel auf den Rücken legen konnte – ich hätte auch eine Plane, einen Regenschirm oder einen belieben Gegenstand nehmen können. Das Ergebnis war, dass ich sie besser einfangen konnte und ihre Beine anfassen und sogar ein wenig festhalten konnte, ohne das ich erst lange mit „Annäherung und Rückzug“ agieren musste.

    Darum lautet meine Empfehlung: Wenn die Pferde Symptome von Angst zeigen, bitte nicht diese Situationen vermeiden – sondern stellt euch dem Bedrohlichen und macht eure Pferde mutig! Wir haben mit dem Equipe Quality System ein Ausbildungskonzept, das euch dabei hilft und APEGO erstellt ein E-learning System, mit dem ihr digital lernen könnt, wie ihr beginnen könnt und  wie die weiteren  Schritte sind, um euch besser mit eurem Pferd zu verbinden.

    Euer Birger Gieseke